Es muss Leidenschaft sein, vielleicht sogar in pathologischer Form. Die weit über 20 zwischen 1968 und 2025 veröffentlichten Artikel über das IF Boot enthalten durchweg Huldigungen an dieses Schiff (vgl. Anhang zu „Die Legende lebt: IF Boot und IF-Fun in Berlin und Ostsee, 2024, https://www.if-boot.de/images/bilder/2024/Boot_u_Fun/24_11_Boot_Fun_final_klein.pdf). Sie lassen bei einem medizinisch geschulten Leser den Verdacht aufkeimen, dass IF-Bootsegler gefährdet sind, weil sie von diesem wunderschönen Schiff nicht mehr lassen können. Würden sie es in ihrer Leidenschaft nicht am liebsten stets und ständig um sich haben wollen, auch zu Hause?

So finden sich in mancher IF-Segler-Wohnung großformatige Bilder oder das bei Seacamper angebotene Halbmodell im Maßstab 1:31, das so sehr einlädt, die sanften Formen des weißen Rumpfs zu streicheln. Aber existieren auch Vollmodelle?

Eine Recherche auf der Webseite der IF-Boot Klassenvereinigung hilft weiter. Man erfährt, dass Rainer Tschichholz im Jahr 2016 ein IF-Vollmodell als Wanderpreis für die Regatta „Schlusslicht“ des SC Gothia in Berlin gestiftet hat (IF-Boot Jahresheft 2022, 31; „Ein Wanderpreis für das Schlusslicht“, https://www.if-boot.de/index.php/reviere/berlin-unterhavel/196-ein-wanderpreis-fuer-das-schlusslicht; auch die Jahreshefte sind auf der Webseite verfügbar). Man kann, wenn entsprechend belesen, also erahnen, was der graue Kasten enthält, den die Sieger der Regatta 2024 in die Kamera halten ( https://if-boot.de/index.php/reviere/berlin-unterhavel/497-das-schlusslicht-2024-der-bericht ). Schon zuvor hatte Rainer die Idee, das IF komplett in Holz im Maßstab 1:20 nachzubauen, auf der Webseite der Klassenvereinigung veröffentlicht (https://if-boot.de/index.php/das-boot/technik/113-winterbastelarbeit-o-das-if-boot-modell ).

Das erste IF-Vollmodell ist ein Nachbau seiner Tiralo 2 GER 333. Es wird im Jahr 2013 in seiner kleinen Werft vom Stapel gehoben (siehe https://if-boot.de/index.php/das-boot/technik/113-winterbastelarbeit-o-das-if-boot-modell und IF-Boot Jahresheft 2021, 40-42). Der schon erwähnte Wanderpreis aus dem Jahre 2016 trägt die Baunummer 2. Die Baunummer 3 ist ein originalgetreuer Nachbau der „Santa Maria“ GER 375 von Kay Bommer („Das IF-Boot als Modell in Wort und Bild“, IF-Boot Jahresheft 2023, 56-62).

Aufmerksam geworden auf diese Flotte hübscher kleiner Marieholm-IF keimt in mir die Frage auf, ob auch ein Seacamper-IF im Miniaturformat realisierbar wäre. Es wäre die Baunummer 4. Große Seacamper-IF kann man einfach bestellen, eine solche Miniatur-Ausgabe nicht. Rainer und seine Ein-Mann-Werft für kleine IF-Boote arbeiten nicht auf Bestellung. Der Bau eines solchen Modells ist eine besondere Gefälligkeit, getragen von der Leidenschaft für dieses elegante Boot und dem Wunsch, diese Leidenschaft weiter in die Welt zu tragen, so wie es mit diesen Zeilen geschieht.

Aus der Perspektive eines IF-Bootes im Maßstab 1:20 sind sein Erbauer, sein späterer Eigner und die Gewinner der „Schlusslicht“-Regatta wahre Riesen. Es kommt selbst in der Literatur selten vor, dass sich Riesen über solch kleines Schiff beugen. Der Riese Micromégas vom Stern Sirius und sein ebenfalls riesiger Gefährte vom Planeten Saturn tun es. Auf ihrer Forschungsreise durch den Kosmos gelangen sie zur Erde und nur mit dem Vergrößerungsglas erkennen sie ein Boot mit Menschen, die sich als viel intelligenter und gebildeter herausstellen als zunächst vermutet. Zwischen den ungeheuer großen Riesen und den kleinen gelehrten Bootsinsassen entspannt sich ein - aus der Sicht der Riesen - kritischer Austausch über andauerndes Glück auf Erden, die irdische Suche nach dem Sinn des Lebens und die Bedeutung des Menschen und seiner Umwelt (Voltaire, Le Micromégas, chapitre VII, 1752, etext translation by Project Gutenberg’s Romans, Vol. 3, 2009, https://www.gutenberg.org/files/30123/30123-h/30123-h.htm).

Ob nun philosophisch geschult oder nicht: Ist ein Modell-IF nicht Teil der Antwort auf die Frage nach andauerndem Glück und auf den Wunsch, dieses Glück nicht nur in Originalgröße zu genießen, sondern möglichst jederzeit, auch im Kleinen?

Rainer ist seit jeher leidenschaftlicher Modellbootbauer. So hat er den historischen Berliner Haveldampfer „Kreuz-As“ ( https://berliner-dampfer.de/?page_id=3233 ), auf dem er und seine spätere Frau sich zum ersten Mal begegneten, 1977 als Modell verewigt. Er besorgte sich die Konstruktionszeichnungen von der Berliner Reederei und fing unverzagt an, in verkleinertem Maßstab Spanten zu sägen und so zunächst den Rumpf zu modellieren. Genau so geschieht es mit den IF-Modellen anhand der Originalzeichnungen von Konstrukteur Tord Sundén. Solche Vorhaben verlangen Geduld und Ausdauer. An dem Modell des Teeklippers „Cutty Sark“ arbeitete Rainer von 1972 an, mit einigen Unterbrechungen, 39 Jahre lang.

Glücklicherweise muss man auf ein kleines IF nicht so lange warten. Circa 9 Monate arbeitet die kleine Werft, bis ein maßstabs- und formgetreues Miniatur-IF fertiggestellt ist. Aber dann stimmt jedes Detail, so auch bei Baunummer 4, dem Nachbau des Seecamper-IF „Circe“ GER 5003. Alle Besonderheiten des Seacamper-IF sind berücksichtigt: der Ankerkasten, die langen Seitenfenster, das geteilte Steckschott, der rückenschonende Knick im Cockpitsüll, die schräg nach achtern gesenkten Rinnen zur Entwässerung der Plicht, die kleineren Backskistendeckel achtern, selbst die Rollfock-Anlage mit dem kleinen Umlenkrad am Bug. Die Farbgebung entspricht dank RAL-Klassifizierung dem Original und die Leinenführung ebenfalls. Geduldig hat Rainer alle, wirklich alle kleinen und großen, kurzen und langen Leinen gezogen, allein auf dem Kajütdach 6 Stück, dazu Barberholer, Schoten, Traveller- und Rollfock-Endlosleine. Die Segel sind wie beim großen Original hinter burgunderroten Groß- und Genuapersennings verborgen, letztere mit Reißverschluss auf der einen Seite und kreuzweise geführter Reihleine auf der anderen. Vorn prangt ein Bugkorb und hinten, auf besonderen allerletzten Wunsch, die Badeleiter.

Es ist ein Traum, alles sieht so aus wie bei der großen „Circe“. Ein wenig weiß ich das schon, denn Rainer hat ein Bautagebuch geführt und den Baufortschritt über die langen 9 Monate in Bildern festgehalten. Wird die kleine „Circe“ genauso aussehen wie auf den Bildern, die ich bekommen habe?

Anfang November breche ich zu der kleinen Werft nach Kolbermoor südlich von München auf, um die kleine „Circe“ zu übernehmen und nach Berlin zu überführen. Es ist 08:30 Uhr, das Navi prognostiziert eine Fahrt von 6 ½ Stunden, es werden schließlich über 7 Stunden. Die Sonne strahlt, der Himmel ist blau und die Vorfreude groß. Auf der Autobahn kurz hinter Irschenberg öffnet sich der Blick bis zu den Alpen, rechts steht eine Kirche mit Zwiebelturm. Jetzt sieht es richtig bayerisch aus und ist es nicht mehr weit. In Kolbermoor angekommen, werde ich sehr freundlich aufgenommen, wir plauschen angeregt und lange beim Kaffee. Nun, es ist wie zu Kleinkind-Zeiten an Heiligabend: Die Bescherung kommt zum Schluss. Endlich, um exakt 18:25 Uhr, ist es so weit. Rainer führt in einen Nebenraum und übergibt sein Werk.

Es ist fantastisch, noch schöner als auf den Bildern des Bautagebuchs, eine detailgetreue Nachbildung der großen „Circe“, ein Kleinod. Ich kann mich gar nicht satt sehen, das Abendessen muss warten. Vermutlich fällt es Rainer – wie jedem Künstler - nicht leicht, sich von seinem Kunstwerk zu trennen. Er schärft mir ein, wie ich diesen Schatz, eingebettet in eine passende Kiste, zu transportieren habe, und kontrolliert bei der Abfahrt höchstpersönlich den sicheren Sitz gegen alle Transportgefahren. Selbstverständlich fahre ich zurück, als hätte ich rohe Eier übernommen, bringe die kleine „Circe“ unversehrt in ihr neues Heim und melde diesen Umstand unverzüglich nach Kolbermoor, damit auch dort Entspannung eintritt.

Die große „Circe“ steht inzwischen an Land, eingepackt gegen die Unbilden des Spätherbst- und Winterwetters. Das Thermometer ist auf 4° gefallen, es regnet und stürmt in einem fort, der Himmel besteht aus hässlichem Grau, schmutzig-braune, nasse Blätter fliegen sinnlos umher. Die kleine „Circe“ aber steht im Warmen, streckt und reckt sich in dezentem Licht, so elegant und wunderschön wie die große „Circe“, fertig aufgeriggt und segelfertig, als wollte sie sagen: „Bin ich nicht hübsch?“ und „Es geht doch bald wieder los!“

Ja, es ist Leidenschaft: Es ist wundervoll, stets und ständig ein IF um sich zu haben, und wenn es nicht ein großes IF ist, dann ein kleines. So sorgt nun die schöne kleine „Circe“ täglich für gute Laune – ganz herzlichen Dank, Rainer, und viele Grüße in die wunderbare Modellbauwerkstatt Kolbermoor!

23.11.2025

Andreas Metzenthin

Unterhavelvertreter


Nachfolgend Bilder vom IF-Modell "Circe" in einer Detail- und einer Vollansicht, vom IF-Modell "Tiralo 2", vom Haveldampfer "Kreuz-As" im historischen Original und im Modell sowie vom Modell der "Cutty Sark"

DetailansichtCirce mit HaubeModell Tiralo 2Kreuz As historisch
Modell Kreuz AsModell Cutty Sark

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