Es war einmal eine wunderschöne Yacht. Sie war elegant und schnell und traumhaft gut zu segeln und erfreute ihre Segler von Herzen. Sie fuhren mit ihr bei Tageszeiten, bei Nachtzeiten, bei viel und bei wenig Wind und genossen die gemeinsamen Touren sehr.
So kam es, dass die wunderschöne Yacht eines Abends spät aufbrach, in die Dämmerung und dann in die Nacht fuhr, um bei leichter und stetiger Brise in ihren Heimathafen zurückzukehren. Viele fleißige und rechtschaffende Menschen waren bereits zu Bett gegangen, als die wunderschöne Yacht noch einsam unterwegs war. Längst war der Mond aufgegangen, ab und zu rief ein Wasservogel vom Schilf herüber, als ob er sich gestört fühle, und ein Kuckuck begleitete die nächtliche Fahrt mit seinen Rufen. Die wunderschöne Yacht lauschte auf das zufriedene Gemurmel im Cockpit und das leise Gluckern der Bugwelle und war es zufrieden.
In dieser märchenhaften Idylle hörte die wunderschöne Yacht, wie auf einmal aus dem Cockpit leiser Gesang drang, zunächst das Wiegenlied von Brahms und dann „Der Mond ist aufgegangen“. Die wunderschöne Yacht hätte so gern mit eingestimmt, aber wie sollte das gehen?
Eine wunderschöne Yacht kann zusammen mit Wind und Wellen manches zum Erklingen bringen, manches Mal gar zum Erschrecken der Segler, aber Lieder vermag sie nicht zu spielen.
Da fiel der wunderschönen Yacht ein, dass ihr gütiger Eigner ihr einst versprochen hatte, sie habe einen Wunsch frei, wenn sie die nächste Regatta gewönne. Sie hatte darüber nicht nachgedacht, auch als sie jene Regatta gewonnen hatte. Aber nun fiel ihr dieses Versprechen wieder ein.
Sie wusste sofort, was sie sich wünschen sollte: Ein Klavier! So kam es, dass sich die Segler im Cockpit erstaunt anblickten, als die wunderschöne Yacht das Wiegenlied Op. 49 Nr. 4 auf dem Klavier anspielte. Sie hatte zunächst etwas Schwierigkeiten mit den Synkopen, aber niemand merkte, dass sie etwas mogeln musste.
Die Segler lauschten dem Klang, während die wunderschöne Yacht mit leichter Krängung weiter hoch am Wind kreuzte. Jetzt wurde die wunderschöne Yacht immer kecker. Sie spielte die Cantate BWV 208, dann das Andante BWV 528, schließlich den Canon von Pachelbel. Im Cockpit war es andächtig still geworden, nur das Klavier und die Bugwelle waren zu vernehmen, ab und zu der Kuckuck aus der Ferne. Die zarten Klänge verhallten sanft über dem schwarz glitzernden Wasser.
Die wunderschöne Yacht war genauso ergriffen wie ihre Segler draußen im Mondlicht. Einer der Segler rief: „Schaut mal, auf Steuerbord steht wirklich ein Klavier in der Kajüte! Wie zauberhaft es spielt!“ Das machte die wunderschöne Yacht ungeheuer stolz.
Irgendwann, es ging auf Mitternacht zu, hatte man den Heimathafen erreicht. Nun konnten die Segler nicht mehr zuhören. Die wunderschöne Yacht hatte dafür viel Verständnis. Sie ließ sich sanft in ihre Box bugsieren und das Klavier verschwinden. Wo eben noch das Klavier gestanden hatte, war nun wieder die Steuerbordkoje eines wunderschönen IF-Bootes zu sehen.
Von dieser Nachtfahrt träumt die wunderschöne Yacht seither häufig. Und ihre Segler tun es ihr gleich und wünschen sich ein Klavier - als IF-Sonderausstattung. Die wunderschöne Yacht aber hofft, dass sie bald wieder einen Wunsch frei haben und der Sommer noch mit vielen märchenhaften Nächten aufwarten möge.
Und da sie nicht gestorben sind, habt Ihr, liebe Leser, so oder so die Chance, der wunderschönen Yacht mit dem Klavier eines Nachts zu begegnen.
Andreas Metzenthin

